Kann die Wissenschaft den freien Willen messen? 5 bahnbrechende Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft

Ist der freie Wille messbar? Dieser Artikel befasst sich mit neurowissenschaftlichen und psychologischen Perspektiven der Entscheidungsfindung und untersucht, ob biometrische Verfahren wie EEG, Eye-Tracking und Reaktionszeitanalyse die menschliche Autonomie quantifizieren können. Entdecken Sie wichtige Forschungsergebnisse und Debatten darüber, ob der freie Wille eine Illusion oder ein grundlegender Bestandteil der Kognition ist.

Eine der zentralen Fragen der menschlichen Existenz lautet: Was ist der freie Wille, und lässt er sich messen? Wenn man sich auf philosophischer Ebene mit der Natur des menschlichen Verhaltens auseinandersetzt, taucht irgendwann die Frage auf, inwieweit unser Verhalten vorbestimmt ist.

Sind unsere Handlungen chaotische und zufällige Manifestationen bestimmter Zeitpunkte – ohne jeglichen Bezug zur Vergangenheit – oder sind sie das Ergebnis einer sich ständig weiterentwickelnden Kette von Entscheidungen und Handlungen? Kurz gesagt: Gibt es eine wissenschaftliche Methode, den freien Willen durch Messungen zu beweisen oder zu widerlegen? 

Was ist freier Wille?

Die Definition des freien Willens, auf das Wesentliche reduziert, lautet: Ein Mensch ist frei, ohne Einmischung oder Beeinflussung so zu handeln, wie er es möchte. 

Die Philosophie, die bekanntlich so vage ist wie eh und je, ist zu dem Konsens gelangt, dass wir sowohl einen freien Willen haben als auch keinen. Das heißt, wir handeln zu jedem Zeitpunkt als freie Akteure in der Welt, doch unser Handeln wird durch die Gesamtheit unserer bisherigen Handlungen bestimmt, nicht jedoch vorbestimmt

Lässt sich der freie Wille messen?
Unser Handeln wird durch die Gesamtheit unserer bisherigen Handlungen bestimmt. In diesem Beispiel musst du dich zunächst in einem Wald befinden, bevor du die Entscheidung treffen kannst, welchen der beiden Wege du einschlagen willst.

Kann man also den freien Willen messen?

Wie viele zu Recht anmerken könnten, ist der Versuch, den freien Willen allein durch philosophische Überlegungen logisch zu beweisen oder zu widerlegen, vielleicht etwas überflüssig und ziemlich sinnlos – zumindest was greifbare Ergebnisse angeht. Glücklicherweise haben Forscher im Laufe der modernen Geschichte jedoch versucht, Antworten auf genau diese Frage zu finden. 

Die wohl berühmteste Studie dieser Art wurde in den 1980er Jahren vom Neurowissenschaftler Benjamin Libet entwickelt und durchgeführt. Libet wollte untersuchen, ob sich anhand des „Bereitschaftspotenzials“ des Gehirns (oft einfach als RP bezeichnet) feststellen lässt, ob Menschen über einen freien Willen verfügen oder nicht. 

DasBereitschaftspotenzial“ des Gehirns ist der Begriff, mit dem die Aktivität im motorischen Kortex und im supplementären motorischen Areal des Gehirns beschrieben wird, die einer willkürlichen Bewegung vorausgeht. Das „Bereitschaftspotenzial“ wurde erstmals 1965 von den deutschen Neurophysikern Hans Helmut Kornhuber und Lüder Deecke beschrieben.  

Libets Versuchsanordnung war einfach, aber elegant: Libet bat jeden Teilnehmer, in einem zufälligen Moment das Handgelenk nach oben zu schnippen, wann immer ihm danach war – das war alles. Zuvor bat er jeden von ihnen jedoch, einen Punkt zu beobachten, der sich schnell um ein Zifferblatt drehte, und nach einer vollständigen Umdrehung forderte er die Teilnehmer auf, die Position des Punkts zu notieren, sobald sie die Entscheidung getroffen hatten, ihre Handgelenke zu bewegen. Diese Technik zur Zeitangabe ist heute als „Libets W-Zeit“ bekannt. 

Während des Experiments maß Libet mithilfe eines EEG-Headsets die Gehirnaktivität der Teilnehmer und konzentrierte sich dabei auf die Entstehung der Absicht, also das Bereitschaftspotenzial des Gehirns. 

Freier Wille

Libet stellte fest, dass jeder zufälligen Handbewegung eine sekundenbruchteile lange Gehirnaktivität vorausging, die zur Entscheidung des Gehirns führte, die Hand zu bewegen. Bei allen Probanden war 0,35 bis 0,2 Sekunden, bevor sie sich bewusst dazu entschlossen, ihre Hände zu bewegen, ein Anstieg der Gehirnaktivität zu verzeichnen. 

Libet sah darin einen Beweis dafür, dass es keinen freien Willen geben könne. Wenn unbewusste Gehirnaktivität vor dem bewussten Erleben stattfindet, kann die Entscheidung nicht bewusst oder frei getroffen werden. Um frei zu handeln, müssen unsere Entscheidungen im bewussten Bereich stattfinden – dies schien jedoch nicht der Fall zu sein. 

Sind wir schon da? 

Und damit scheint die Sache dann wohl erledigt zu sein. Denn wenn die Vorbereitung auf eine Handlung aus freiem Willen unbewusst, ja sogar instinktiv abläuft, dann beweisen diese lächerlichen 0,35 Sekunden, dass wir tatsächlich keinen freien Willen haben. Oder etwa doch?

Seit Libets bahnbrechendem Experiment, das auf der Annahme des Bereitschaftspotenzials des Gehirns beruhte, haben Wissenschaftler seine Ergebnisse eingehend untersucht. Insbesondere die Annahme des Bereitschaftspotenzials und die daraus resultierenden subjektiv „spontanen willkürlichen Bewegungen“ (SVMs) standen dabei im Mittelpunkt der Untersuchung. 

Im Jahr 2016 kamen Wissenschaftler zu dem Schluss, dass unser bisheriges Wissen über das Bereitschaftspotenzial und die SVM möglicherweise doch nicht zutrifft. Tatsächlich war die Drittelsekunde vor einer Handlung (Libets V-Zeit) eher das Ergebnis der Schwankungen des neuronalen Hintergrundrauschens im Gehirn und nicht das Ergebnis einer unbewussten Vorbereitung des Gehirns auf eine Handlung.

Dies wurde durch eine Nachstellung von Libets Experiment entdeckt, bei der ein zusätzlicher Schritt hinzugefügt wurde. Abgesehen davon, dass die Probanden einen Knopf drücken mussten, anstatt eine Handbewegung auszuführen, waren die Experimente nahezu identisch. Der zusätzliche Schritt bestand darin, dass die Wissenschaftler ein zufällig abgespieltes „Klick“-Geräusch einbauten. Wenn die Probanden dieses zufällige „Klick“-Geräusch hörten, sollten sie den Knopf so schnell wie möglich drücken. Anhand der EEG-Daten konnten die Forscher keine Hinweise darauf finden, dass sich das Bereitschaftspotenzial zwischen den verschiedenen Aufgaben so stark unterschied, dass dies auf einen spezifisch fokussierten Aufbau im Gehirn zurückgeführt werden könnte. 

freier Wille

Die Antwort lautet vielleicht: vielleicht.

Was bedeutet das für den freien Willen? Nun, einerseits kommt Libet zu dem Schluss, dass freier Wille unmöglich ist, weil unser Gehirn den Prozess, der zu einer Handlung führt, unserem Bewusstsein vorenthält – die Entscheidung bleibt uns verborgen. Andererseits scheint diese Vorstellung durch die Tatsache widerlegt zu werden, dass unser Gehirn vielleicht gar nicht versucht, etwas vor uns zu verbergen – es ist einfach nur unruhig. 

Um die Sache noch verwirrender zu machen, gibt es noch eine weitere knifflige philosophische Frage zu klären: Macht es überhaupt Sinn, von freiem Willen zu sprechen, wenn jemand in einem experimentellen Rahmen dazu aufgefordert wird, sich auf bestimmte Handlungen vorzubereiten? Können wir überhaupt einen Rahmen schaffen, um das Bewusstsein zu erforschen, wenn das Bewusstsein selbst dadurch definiert ist, dass es keinen Rahmen gibt? 

Die Frage bleibt also: Lässt sich der freie Wille messen? Wer weiß, aber wir sollten auf jeden Fall weiter nach Wegen suchen, es zu versuchen.

Was denkst du? Hast du das Gefühl, die Kontrolle zu haben? 

Quellenangaben:

Kornhuber, H. H., und Deecke, L. (1965). Hirnpotentialänderungen bei willkürlichen und passiven Bewegungen des Menschen: Bereitschaftspotential und reafferente Potentiale. Pflügers Arch. EJP 284, 1–17. doi: 10.1007/bf00412364

Libet, B., Gleason, C. A., Wright, E. W. und Pearl, D. K. (1983). Der Zeitpunkt der bewussten Handlungsabsicht im Verhältnis zum Einsetzen der Hirnaktivität (Readiness-Potential): die unbewusste Einleitung einer freiwilligen Handlung. Brain 106, 623–642. doi: 10.1093/brain/106.3.623

Schurger, A., Mylopoulos, M. und Rosenthal, D. (2016). Neuronale Vorläufer spontaner willkürlicher Bewegungen: eine neue Perspektive. Trends Cogn. Sci. 20, 77–79. DOI: 10.1016/j.tics.2015.11.003


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