Ein Blick ins Usability- und Interaktionslabor der Ruhr-West-Universität

Entdecken Sie das Usability- und Interaktionslabor der Hochschule Ruhr West, wo biometrische Forschung und ein auf Mixed-Methods basierender Unterricht menschliches Verhalten anschaulich machen. Erfahren Sie, wie Studierende mithilfe von Eye-Tracking, GSR und Gesichtsanalyse in einer offenen, praxisorientierten Lernumgebung eine Brücke zwischen Theorie und praktischer Anwendung schlagen.

Wenn man menschliches Verhalten verstehen will, muss man es in Aktion beobachten und darf die Menschen nicht einfach bitten, es im Nachhinein zu beschreiben. Das ist der Grundgedanke des Usability and Interaction Lab (oder UnI Lab) an der Hochschule Ruhr West (HRW), einer Fachhochschule im äußersten Westen Deutschlands und im Herzen des Ruhrgebiets.

In vielerlei Hinsicht verkörpert die Ruhr-West-Universität die Stärken einer modernen Hochschule. Im Mittelpunkt steht die Gestaltung von Bildungssystemen, die sich an den tatsächlichen Lebens-, Lern- und Arbeitsrealitäten der Menschen orientieren und vor allem Kompetenzen vermitteln, die nach dem Abschluss einen Arbeitsplatz sichern.  

Das von Professorin Julia Thalmann geleitete Labor ist Teil einer umfassenderen Mission: die Verbindung von akademischem Wissen und praxisorientierter Forschung mithilfe von Verhaltens- und biometrischen Untersuchungen.

Professorin Julia Thalmann von der Ruhr-West-Universität
Professorin Julia Thalmann

In einer Zeit, in der von Berufseinsteigern datengestützte Entscheidungen erwartet werden und Nutzererlebnisse zunehmend personalisiert werden, vermittelt HRW Studierenden die Fähigkeit, zu messen – statt nur zu vermuten –, was Menschen sehen, fühlen und tun – und schafft so echten, menschenzentrierten Mehrwert in einer automatisierten Welt. 

Das bedeutet jedoch nicht, dass dieses Labor exklusiv ist, mit hohem Einsatz verbunden ist oder hinter verschlossenen Türen verborgen liegt. Im Gegenteil: Es ist so konzipiert, dass es offen, flexibel und für alle Lernstufen zugänglich ist – vom Bachelor-Studierenden im ersten Jahr bis hin zu Doktoranden und wissenschaftlichen Mitarbeitern.

Ein Labor, das mit dir wächst

Professor Thalmann beschreibt die Philosophie des Labors ganz einfach:

„Wir möchten, dass Lernende aller Stufen die Möglichkeit haben, biometrische Forschung hautnah zu erleben. Wenn ein Bachelor-Student vorbeikommt und neugierig ist, Eye-Tracking zum ersten Mal auszuprobieren, kann er das tun. Wenn ein Doktorand ein umfassendes Experiment durchführen muss, kann er das tun. Das Labor ist so konzipiert, dass es mit Ihnen wächst.“

Diese Flexibilität ist weit mehr als nur ein Schlagwort. Das UnI Lab verfolgt eine echte Politik der offenen Tür, was bedeutet, dass jeder Studierende und jeder Mitarbeiter Zeit im Labor reservieren, sich mit den Geräten vertraut machen und mit der Erkundung beginnen kann. 

Maike Hübner von der Ruhr-West-Universität
Dr. Maike Hübner

Neben Prof. Thalmann vervollständigt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Dr. Maike Hübner das dynamische Führungsduo des Labors. Gemeinsam bieten sie praxisorientierte Schulungen und Unterstützung an, um sicherzustellen, dass die Nutzer nicht nur Zugang zu den Werkzeugen erhalten, sondern auch wissen, wie sie diese verantwortungsbewusst und sinnvoll einsetzen können.

Ein Mixed-Methods-Ansatz

Im Mittelpunkt der Arbeit des Labors steht eine Kombination biometrischer Tools von iMotions, darunter:

Gemeinsam ermöglichen diese Instrumente Forschern, Reaktionen auf Reize in Echtzeit zu untersuchen – von Medieninhalten über Produktverpackungen bis hin zu Verhandlungssimulationen. Dies wird häufig mit qualitativen Methoden wie nachträglichen Interviews oder Umfragen kombiniert, um Einblicke darin zu gewinnen, wie die Teilnehmer das Erlebte interpretieren oder sich daran erinnern.

Die Laborausstattung im UnI-Labor

„Ich komme aus dem quantitativen Bereich“, sagt Prof. Thalmann, „aber ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass die Zukunft der Forschung in gemischten Methoden liegt – man braucht sowohl die Zahlen als auch die Geschichte dahinter.“

Sie betont, wie wichtig es ist, nicht nur zu verstehen, was jemand angesehen oder angeklickt hat, sondern auch, warum er sich so verhalten hat und wie er dies später erklärt, wobei sich manchmal Diskrepanzen zwischen automatischem Verhalten und bewusster Reflexion zeigen.

Verhaltenswissenschaften unterrichten – ganz konkret

Das Lehrkonzept des Labors spiegelt diesen Verlauf wider:

  • Studierende im Grundstudium beginnen mit den Grundlagen: Was ist visuelle Aufmerksamkeit, wie funktioniert Eye-Tracking, wie interpretiert man eine Heatmap? Der Schwerpunkt liegt auf der Visualisierung von Verhalten und der Formulierung einfacher Forschungsfragen.
  • Masterstudierende beschäftigen sich eingehender mit kognitiver Theorie, User Experience Design und vorurteilsbewusster Analyse. Sie arbeiten häufig an anwendungsorientierten Projekten, wie zum Beispiel der Überprüfung der Werbewirksamkeit oder der Untersuchung der Benutzerfreundlichkeit von Benutzeroberflächen.
  • Doktoranden nutzen die gesamte Palette der iMotions-Tools, um komplexe, oft multimodale Fragestellungen zu untersuchen, wie beispielsweise interkulturelle Interaktion, Mikroexpressionen bei der Entscheidungsfindung oder die emotionale Auseinandersetzung mit KI-generierten Inhalten.

Wie Dr. Maike Hübner erklärt:

„Im Rahmen meiner Doktorarbeit untersuche ich, ob die Hinweis-Labels in Social-Media-Anzeigen tatsächlich wahrgenommen werden und, falls ja, welche Auswirkungen dies auf das Verhalten hat. Es geht um Millisekunden, subtile Ausdrucksformen und darum, woran sich die Menschen hinterher erinnern. Biosensoren machen das Unsichtbare sichtbar.“

Technologie, die hinter den Kulissen funktioniert

Eine der Stärken des Ansatzes des Labors liegt nicht nur in den Tools selbst, sondern auch darin, wie diese miteinander verknüpft sind. Die iMotions-Software synchronisiert alle Sensordaten, sodass Hautleitfähigkeit (GSR), Gesichtsausdrucksanalyse und Blickverläufe parallel analysiert werden können. Dies verringert technische Hürden und erleichtert den Studierenden den Einstieg, insbesondere jenen, die möglicherweise zögern, komplexe Software zu nutzen.

Die Benutzeroberfläche ist intuitiv“, sagt Dr. Hübner. „Sie ermöglicht es den Studierenden, sich darauf zu konzentrieren, gute Fragen zu stellen und Ergebnisse zu interpretieren, ohne befürchten zu müssen, dass sie etwas kaputt machen.

Dies ist an einer anwendungsorientierten Hochschule von entscheidender Bedeutung, an der viele Studierende als Erste in ihrer Familie studieren oder ihr Studium mit einem Beruf oder Betreuungsaufgaben vereinbaren müssen. Mit den Fernzugriffstools von iMotions können sie online Daten erheben, hybride Laborsitzungen planen oder Ergebnisse in ihrer Freizeit auswerten, wodurch die Teilnahme an Forschungsprojekten inklusiver und praktikabler wird.

Das UnI-Lab-Konzept: Zwei Bereiche, ein Ziel

Der Raum ist in zwei sich ergänzende Bereiche unterteilt:

  1. Der Bereich Usability: Der Schwerpunkt liegt auf der visuellen Wahrnehmung und den emotionalen Reaktionen auf Inhalte, von Verkaufsverpackungen bis hin zu Website-Designs. Methoden wie Eye-Tracking und GSR zeigen, wie Menschen mit ihrer Umgebung interagieren.
  2. Der Interaktionsbereich: Ein eher sozialer Raum, in dem Verhalten im Kontext der Kommunikation untersucht wird, beispielsweise durch Verhandlungsübungen, die aufgezeichnet und hinsichtlich Gestik, Tonfall und Mikroausdrücken analysiert werden.
Der Interaktionsbereich im Ruhr-West UnI Lab

„Um Verhalten zu verstehen, muss man sowohl die Reiz-Reaktions-Beziehung als auch die zwischenmenschliche Dynamik betrachten“, sagt Prof. Thalmann. „Beides ist notwendig, um Studierende auf die Komplexität der realen Welt vorzubereiten.“

Forschungsthemen, die für Studierende von Bedeutung sind

Das Labor unterstützt bewusst Studierende dabei, sich mit Forschungsfragen zu beschäftigen, die ihnen persönlich am Herzen liegen, anstatt sich nur an den Vorgaben der Lehrenden zu orientieren. Dies sorgt für ein hohes Engagement und macht das Lernen persönlich, sinnvoll und spannend. Ob es um Marken, Technologie oder gesellschaftliche Themen geht – die Studierenden werden dazu ermutigt, die Auswirkungen der Forschung zum menschlichen Verhalten auf die reale Welt anhand von Themen zu untersuchen, die ihren Interessen entsprechen, wie zum Beispiel:

  • Wie sich minimalistisches und maximalistisches Branding auf die Markenerinnerung auswirken.
  • Ob KI-generierte Influencer als vertrauenswürdig wahrgenommen werden.
  • Wie Fans auf Änderungen an den Logos von Sportmannschaften reagieren.
  • Die Rolle von Emotionen in der auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Werbung.
Der Bereich Usability am Ruhr-West UnI Lab

Diese Projekte lassen die Grenzen zwischen wissenschaftlicher Forschung, Marketingerkenntnissen und nutzerzentriertem Design oft verschwimmen und spiegeln damit den interdisziplinären Charakter der heutigen Verhaltensforschung wider.

Auftritt Betty Brown, eine Kulturvermittlerin der Extraklasse

Die Wissenschaft im Allgemeinen und die Teilnahme an Studien im Besonderen können einschüchternd wirken, besonders wenn Kameras, Sensoren und das Auftreten in der Öffentlichkeit eine Rolle spielen. Aus diesem Grund hat das UnI Lab seine eigene, sanftmütige Botschafterin: Betty Brown, einen großen Plüsch-Teddybären mit einem Lebenslauf als „professionelle Laborexpertin“ und einem passenden „professionellen Laborexpertinnen“-Mantel. 

„Sie sorgt dafür, dass das Labor zugänglich wirkt“, erklärt Dr. Hübner. „Vor allem für Studierende, die zum ersten Mal mit biometrischen Tools arbeiten oder sich in ein Verhandlungsszenario begeben. Betty senkt die Hemmschwelle.“

Es ist ein kleines, aber vielsagendes Beispiel für den Ansatz des Labors, dass wissenschaftliche Genauigkeit nicht zwangsläufig mit Sterilität und Förmlichkeit einhergehen muss. Die menschliche Seite der Forschung – Herzlichkeit, Neugier und soziale Verbundenheit – ist hier kein nachträglicher Einfall. Vielmehr ist sie fest in das Konzept integriert.

Wie geht es weiter?

Sowohl Prof. Julia Thalmann als auch Dr. Maike Hübner sehen das Labor als eine Einrichtung, die sich im Einklang mit dem technologischen und gesellschaftlichen Wandel weiterentwickelt. Der Einsatz von Eye-Tracking in VR-Umgebungen wird bereits erprobt. 

Tools zur Erkennung von Emotionen in der Altenpflege oder im Krankenhausalltag gelten als vielversprechende neue Ansätze, die es zu erforschen gilt. Da künstliche Intelligenz bei der Verhaltensanalyse eine immer größere Rolle spielt, rücken ethische Überlegungen hinsichtlich der Datenauswertung und der Autonomie der Betroffenen zunehmend in den Vordergrund.

„Wir können unser Verhalten nicht verbergen“, sagt Prof. Thalmann. „Deshalb ist diese Arbeit so wichtig. Aber wir müssen sie auch mit Bedacht interpretieren und dabei sowohl auf Technologie als auch auf Empathie zurückgreifen.“

Abschließende Gedanken

Das UnI Lab ist weder das größte noch das auffälligste Forschungszentrum. Was es jedoch besonders macht, ist seine Zielsetzung: Verhaltensforschung greifbar, lehrbar und wirklich inklusiv für jeden zu gestalten, der hier eintritt. Es ist ein Ort, an dem biometrische Daten entmystifiziert werden, Theorie auf Praxis basiert und Studierende dazu eingeladen sind, nicht nur zu erforschen, was Menschen tun, sondern vor allem, warum wir es tun.