Wir verbringen jeden Tag den ganzen Tag mit von Menschen geschaffenen Gegenständen, Erlebnissen und Umgebungen. Für Forscher, die sich mit menschlichem Verhalten beschäftigen, ist das Verständnis dafür, wie Menschen darauf reagieren, eine Quelle unerschöpflicher Erkenntnisse. Die Erforschung der unbewussten menschlichen Wahrnehmung und des Verhaltens birgt daher das Potenzial, jede Branche grundlegend zu verändern.
Wie wir Architektur verstehen
Architektur ist ein Bereich, der vor großen Veränderungen steht, was die Art und Weise betrifft, wie wir sie erklären und verstehen. Immer mehr Forschungsergebnisse zeigen, wie Architektur und Stadtgestaltung bei Menschen physiologische Reaktionen hervorrufen, die langfristig Gesundheit und Wohlbefinden fördern. Wenn wir diese Auswirkungen nicht messen und zu verstehen versuchen, schaffen wir möglicherweise Umgebungen, die dieses Wohlbefinden nicht fördern und ungesund sind.
Genau damit beschäftigt sich Ann Sussman, Kundin von iMotions und Mitarbeiterin des Human Architecture and Planning Institute, Inc., einer in Boston ansässigen gemeinnützigen Forschungseinrichtung. Sie setzt sich für eine intensivere Erforschung der Neurowissenschaften in der Architektur ein, um der Welt zu zeigen, dass Gebäude menschenzentriert sein sollten – und dass moderne gebaute Umgebungen dies oft nicht sind. In diesem Webinar „Path to Publication“ stellt sie einige ihrer veröffentlichten Biosensor-Ergebnisse vor, die das Zusammenspiel zwischen Gebäuden und Wohlbefinden beleuchten. Dabei geht es unter anderem darum, wie biometrische Forschung unsere angeborene Vorliebe für Gesichter offenbart und wie das „Erkennen“ dieser Eigenschaft die Geschichte der Entstehung der leeren, detailfreien modernen Architektur neu beleuchtet.
Das Webinar ist ein Muss für Forscher aller Branchen, die ihre Begeisterung für die Erforschung menschlichen Verhaltens vermitteln und einen Paradigmenwechsel herbeiführen möchten, der die Neurowissenschaften in ihren jeweiligen Fachgebieten fördert.
Haben Sie Forschungsergebnisse mithilfe der iMotions-Software veröffentlicht und möchten an der Webinar-Reihe teilnehmen? Dann wenden Sie sich bitte an marketing@imotions.com.
Zusammenfassung
Ann Sussmans Vortrag mit dem Titel „Designing for the Subliminal Brain Architecture with a 21st Century Paradigm Shift“ untersucht, wie biometrische Forschung (Eye-Tracking, Analyse von Gesichtsausdrücken, Herzfrequenzvariabilität usw.) unser Verständnis von Architektur revolutionieren kann. Ann Sussman stellt ihre Ausführungen in den Kontext des „Zeitalters der Biologie“ und stellt die vergangenen Epochen der Ingenieurswissenschaften (19. Jahrhundert) und der Chemie/Physik (20. Jahrhundert) dem heutigen Bedürfnis gegenüber, im Einklang mit unserer biologischen Natur zu gestalten.
Anhand mehrerer Pilotstudien und visueller Daten zeigt sie, dass architektonische Elemente – wie Statuen, Fenster oder sogar das „Gesicht“ eines Gebäudes – die Aufmerksamkeit auf einer unbewussten Ebene auf sich ziehen. So zeigen beispielsweise Eye-Tracking-Studien, wie schnell und unbewusst Menschen ihren Blick auf diese Merkmale richten, und decken dabei Muster auf, die in herkömmlichen Selbstauskünften oder Designannahmen oft übersehen werden.
Ann hinterfragt zudem moderne Designtrends und weist darauf hin, dass gesichtslose oder übermäßig minimalistische Fassaden möglicherweise nicht die natürlichen Hinweise liefern, die unser Gehirn für Sicherheit, Orientierung und emotionales Wohlbefinden benötigt. Sie argumentiert, dass das Trauma historischer Ereignisse (wie des Ersten Weltkriegs) sogar die moderne Architektur beeinflusst habe, was zu Entwürfen geführt habe, die im Vergleich zu traditionellen, detailreichen Fassaden befremdlich wirken können.
Im Verlauf ihres Vortrags betont Ann, dass es von entscheidender Bedeutung ist, diese unbewussten, biologischen Reaktionen zu verstehen. Durch die Nutzung biometrischer Forschungsergebnisse können Architekten und Designer Räume schaffen, die nicht nur ästhetisch ansprechend sind, sondern auch das psychische Wohlbefinden und das Gemeinschaftsgefühl fördern.
Das Wichtigste in Kürze
- Biologische Grundlagen der Wahrnehmung:
Unsere unbewusste Evolutionsbiologie bestimmt, wie wir Räume visuell und emotional wahrnehmen. Eye-Tracking-Daten zeigen, dass Menschen ihren Blick ganz natürlich auf Merkmale richten, die menschliche Gesichter nachahmen oder klare visuelle Hinweise liefern. - Der Paradigmenwechsel des 21. Jahrhunderts:
Wir bewegen uns weg von einer Ära, die von Technik und Technologie geprägt war, hin zu einer Ära, in der die Biologie im Vordergrund steht. Design sollte nun den natürlichen Bedürfnissen unseres Gehirns und unseres Nervensystems Rechnung tragen. - Gestaltung für das unterbewusste Gehirn:
Biometrische Instrumente können aufzeigen, was wir sehen, bevor wir es bewusst wahrnehmen. Diese Erkenntnis ermöglicht es Architekten, Umgebungen zu gestalten, die die Aufmerksamkeit intuitiv lenken und positive emotionale Reaktionen hervorrufen. - Der Kontrast zwischen traditioneller und moderner Architektur:
Traditionelle Gebäude – mit ihren detailreichen, „gesichtsähnlichen“ Merkmalen – bieten visuelle Orientierungspunkte, die den Menschen helfen, sich zurechtzufinden und willkommen zu fühlen. Im Gegensatz dazu fehlen diese Anhaltspunkte bei vielen modernen, kahlen Fassaden, was möglicherweise zu einem Gefühl der Entfremdung oder zu Stress beitragen kann. - Der Einfluss von Traumata auf die Architektur:
Historische Traumata, wie etwa die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs auf Architekten, könnten moderne architektonische Trends geprägt haben, was zu Entwürfen geführt hat, die unbewusst Stress- oder Vermeidungsverhalten widerspiegeln. - Praktische Anwendungen der biometrischen Forschung:
Mithilfe von Plattformen wie iMotions können Designer quantitativ beurteilen, wie sich subtile Veränderungen an architektonischen Elementen auf das menschliche Verhalten auswirken. Dieser datengestützte Ansatz kann zu Umgebungen führen, die Sicherheit, Wohlbefinden und die Interaktion innerhalb der Gemeinschaft fördern. - Vision für die Zukunft:
Durch das Verständnis und die Anwendung dieser biometrischen Erkenntnisse haben Architekten das Potenzial, die öffentliche Gesundheit nachhaltig zu beeinflussen – wohl sogar in noch stärkerem Maße als herkömmliche medizinische Maßnahmen. Das oberste Ziel besteht darin, Räume zu schaffen, die nicht nur funktional sind, sondern auch unser grundlegendes Bedürfnis nach Verbundenheit und Geborgenheit stillen.
Dieses Webinar macht deutlich, dass wir, wenn wir bei der Gestaltung unsere biologischen und unbewussten Prozesse berücksichtigen, die gebaute Umwelt in Räume verwandeln können, die das menschliche Wohlbefinden wirklich fördern und steigern.