Eine durchdachte Gestaltung wirkt sich positiv auf das psychische Wohlbefinden, das Verhalten und die Lebensqualität aus. Forschungen in den Bereichen Umweltpsychologie und Neurowissenschaften zeigen, wie Architektur Aufmerksamkeit, Emotionen und Erkundungsverhalten beeinflusst. Studien unter Einsatz von Eye-Tracking, Biosensoren und VR zeigen, dass Gestaltungselemente – wie Fenster, Tageslicht, Fassaden und Grünflächen – Stress, Engagement und erholsame Erlebnisse beeinflussen, was die Bedeutung einer menschenzentrierten, evidenzbasierten Architektur unterstreicht.
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Gutes Design hat etwas Unmittelbares und Emotionales an sich. Das Leben und Arbeiten an einem Ort, an dem Design bewusst gestaltet und mit Blick auf die Nutzer umgesetzt wird, hat sich als positiv für die psychische Gesundheit erwiesen. Es steigert die Lebensqualität sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft insgesamt.
Die Erforschung des menschlichen Verhaltens gilt als Hauptschwerpunkt eines Großteils des Fachgebiets „Umweltpsychologie“, da sich immer mehr Studien damit befassen, wie Menschen und ihre Umwelt miteinander interagieren [1].
Diese Wechselwirkung lässt sich mithilfe der Neurowissenschaften besser verstehen, da weitere Untersuchungen darüber, wie das Gehirn den Raum interpretiert und analysiert, Aufschluss über die Nutzererfahrung geben können.
Diese Erkenntnisse können Architekten und Designern Anhaltspunkte liefern, wie sie ihre Entwürfe verbessern können, um bestimmte Emotionen und Empfindungen hervorzurufen und ein bestimmtes Verhalten bei der Interaktion mit dem Entwurf zu fördern. Im Folgenden finden Sie einige wissenschaftliche Publikationen, die sich eingehender mit den Bereichen Umweltpsychologie, Neurowissenschaften und menschliches Verhalten befassen.
- Einsatz von Eye-Tracking zum Verständnis menschlicher Reaktionen auf Design
- Planung für die Städte von morgen
- Ein Rahmenkonzept für die Untersuchung von Design anhand des Entstehungsprozesses
- Warum Architektur wichtig ist
Einsatz von Eye-Tracking zum Verständnis menschlicher Reaktionen auf Design
In einer aktuellen Studie wurde mithilfe von Eye-Tracking untersucht, ob Studenten in New York auf traditionelle Stadtviertelgestaltungen sowohl durch vor- als auch nachbewusste Verarbeitung – also durch unbewusste und bewusste Aufmerksamkeit – reagieren. Die Präferenzen für traditionelle Stadtgestaltungen zeigen stärkere emotionale Reaktionen und mehr Aufmerksamkeit als bei nicht-traditionellen Stadtviertelgestaltungen.

Im Rahmen dieser Untersuchung kamen einige interessante Erkenntnisse ans Licht.
- Die Menschen neigen dazu, leere Fassaden zu ignorieren
- Menschen fühlen sich zu anderen Menschen hingezogen, aber auch zu Bildern, auf denen Menschen zu sehen sind
- Fixierungen treiben die Erkundung voran – das heißt, unser Unterbewusstsein beeinflusst unsere Aufmerksamkeit und wirkt sich dadurch auf unser bewusstes Verhalten aus
Evidenzbasierte Forschungsergebnisse [2] haben bestätigt, dass die besten Gestaltungskonzepte für Stadtviertel diejenigen sind, die die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich ziehen, Menschenmengen anziehen und zur Interaktion mit der Umgebung einladen. Die Elemente, auf die sich die Menschen konzentrieren, können von Architekten anschließend rückentwickelt werden, um bestimmte Verhaltensweisen zu verändern und zu fördern. Dazu gehören beispielsweise die Gestaltung eines Platzes mit mehr Bänken, Wandmalereien, die die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, und ein reger Publikumsverkehr, um die Neugier der Passanten zu wecken.
Planung für die Städte von morgen
Da die Bevölkerung in den großen Ballungsräumen weltweit weiter wächst, müssen Stadtplaner und Architekten berücksichtigen, wie diese Umgebungen in eine sich ständig wandelnde Landschaft aus Altem und Neuem integriert werden sollten. Noch wichtiger ist dabei, wie sich dies auf die Bewohner des neuen Raums auswirkt. Die Berücksichtigung der psychologischen Auswirkungen von Grünflächen, Parks und Gebäudegestaltung ist zu einem zentralen Gestaltungselement im städtischen Raum geworden, um eine hohe Lebensqualität, Nachhaltigkeit und positive Emotionen zu gewährleisten.
Eine aktuelle Veröffentlichung [3] vereinte das Fachwissen von Landschaftsarchitekten, Stadtplanern und Neurowissenschaftlern, um die Blickverläufe der Bewohner zu untersuchen und zu analysieren. Die Blickmuster zeigten, dass klassische Gestaltungsprinzipien wie horizontale und vertikale Rhythmen und Abwechslung, ein belebtes Erdgeschoss sowie taktile Materialien eine wesentliche Rolle bei der Wahrnehmung des Straßenbildes spielten. Im Gegensatz dazu führt das Fehlen dieser Gestaltungsprinzipien zu verstreuten, „suchenden“ Blickbewegungsmustern. Diese unbewussten Reaktionen auf das Straßenbild unterstreichen die Notwendigkeit einer kohärenten Gestaltung auch in Hochhausumgebungen.
Ein Rahmenkonzept für die Untersuchung von Design anhand des Entstehungsprozesses
Eine kürzlich erschienene Veröffentlichung über die kognitiven Prozesse beim Design schlägt einen neuen Rahmen vor, um zu verstehen, wie der Designprozess beim Designer beginnt.
Die Studie vereint drei paradigmatische Ansätze zu einem Rahmenkonzept, das sich aus Designkognition, Designphysiologie und Designneurokognition zusammensetzt.
- Designkognition: wird mittels Protokollanalyse, Black-Box-Experimenten oder Umfragen sowie Interviews untersucht.
- Designphysiologie: wird anhand von Eye-Tracking, der elektrodermalen Aktivität (EDA), der Herzfrequenz und der Emotionserfassung (Analyse des Gesichtsausdrucks) gemessen.
- Design Neurokognition: wird mittels EEG, fNIRS und fMRT gemessen.

Die Studie bietet einen Überblick über die Messungen unter Verwendung verschiedener Methoden und kann Forschern neue Perspektiven für das Verständnis der menschlichen Kognitionsprozesse beim Entwerfen eröffnen. Dies kann Einblicke in Schnittstellen zwischen Gehirn und Kognition, künstliche Intelligenz, maschinelles Lernen und innovative Werkzeuge zur Unterstützung des Entwurfsprozesses liefern. Letztendlich geht es darum, einen kreativen Prozess nachzubilden, um Architektur reaktionsfähiger, fesselnder und emotionaler zu gestalten und so ein unvergessliches Erlebnis mit der Umgebung zu schaffen.

Warum Architektur wichtig ist
Das Design in computergenerierten Umgebungen wie VR und AR erlebt einen Aufschwung, da dieses Medium an Popularität gewonnen hat. Die Anwendungsbereiche haben sich auf vielfältige Forschungsfelder ausgeweitet, darunter Gaming, Expositionstherapie, Laden- und Produkttests sowie Schulungen und Simulationen. Dies gilt auch für die Untersuchung gestalteter Umgebungen in VR, wo die Forscher mehr Kontrolle über die Umgebung haben und in der Lage sind, während der Erfahrung der Probanden Biosignale zu messen.
Eine aktuelle Studie [4] hat versucht, einen neuen Rahmen zu entwickeln, um die Wechselwirkungen zwischen Architektur und Neurowissenschaften in gestalteten Einrichtungen zu verstehen und die Auswirkungen der Gestaltung auf die menschliche Erfahrung zu quantifizieren. Die Autoren erstellten zunächst zwei virtuelle Umgebungen (nämlich eine erholsame und eine nicht erholsame), wobei sie architektonische Gestaltungsmerkmale nutzten, die in früheren Forschungsarbeiten als förderlich für die Erholung des Menschen identifiziert worden waren.
Sie verglichen verschiedene gestalterische Variablen hinsichtlich der Nutzung von Fenstern und Licht, um zu verstehen, wie Menschen auf solche Räume reagieren. Die Teilnehmer wurden gebeten, Orientierungsaufgaben zu lösen, während ihre körperlichen Reaktionen mithilfe von Sensoren an verschiedenen Körperstellen (z. B. EEG, GSR und Eye-Tracking) aufgezeichnet wurden. Das Ergebnis zeigte, dass sich die Reaktionen der Menschen in erholsamen und nicht-erholsamen Umgebungen statistisch signifikant unterschieden.

Quelle: Zhengbo Zou, Semiha Ergan (2019) [4]
Die folgende Tabelle zeigt die unterschiedlichen Auswirkungen des Designs auf die unmittelbare Reaktion der Menschen.
- Vorhandensein von Fenstern
- Vorhandensein von natürlichem Licht
- Vorhandensein von Tageslicht
- Blick ins Grüne
Auswirkungen auf das menschliche Erlebnis
- 1a) Das Vorhandensein von Fenstern beschleunigt die Erholung von Stress und Aufmerksamkeitsermüdung.
- 2a) Kleine Fenster hindern die Bewohner daran, sich von Ermüdung zu erholen.
- 3a) Natürliches Licht hilft, sich zu entspannen und den Stresspegel der Bewohner zu senken.
- 4a) Der Blick in die Natur ruft ein Gefühl der Erfrischung und Erholung hervor.
Die Zukunft der Architektur
Angesichts einer wachsenden Weltbevölkerung und des Booms der Mittelschicht in den Gesellschaften wird der Bedarf an Wohnraum und Stadtentwicklung bald folgen. Es ist wichtig, dass Design und Architektur zwar ästhetisch ansprechend sind, die oben genannten Beispiele jedoch zeigen, dass es um mehr als nur das Aussehen geht. Sie beeinflussen die Stimmung, das Verhalten und die allgemeine Lebensqualität. Es wurde eine systematische Überprüfung durchgeführt, um festzustellen, ob die aktuelle Forschungslage Belege dafür liefert, dass die gebaute Umwelt mit veränderten emotionalen Zuständen in Verbindung steht [5]. Die Evidenzbasis hierfür wächst, doch Transparenz, Reproduzierbarkeit und die Notwendigkeit, neurophysiologische Ebenen zu verstehen, eröffnen neue Möglichkeiten, um zu erkennen, ob wir psychische Gesundheit und Wohlbefinden durch Umwelteinflüsse fördern können.
Diese sich weiterentwickelnden Erkenntnisse unterstreichen die Kraft der Architektur, unsere emotionale Landschaft zu prägen, insbesondere in unseren persönlichen Wohnräumen. Wenn Sie mehr darüber erfahren möchten, wie man Innenräume gestaltet, die das Gemüt wirklich stärken, lesen Sie unseren Leitfaden zum Thema „Sich zu Hause fühlen“.
Lesen Sie dazu: 5 Wege, wie uns die Neuroarchitektur zeigt, wie wir auf Gebäude reagieren
Die Verbindung von Architektur mit Neurowissenschaften und Verhaltenswissenschaften lässt sich nur durch die Erforschung menschlichen Verhaltens weiter vertiefen. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit ermöglicht ein besseres Verständnis der Eigenschaften von Gestaltung und ihrer Auswirkungen auf menschliches Verhalten und Emotionen.
Literaturverzeichnis
- Zeitschrift für Umweltpsychologie
- Justin B. Hollander, Ann Sussman, Alex Purdy Levering & Cara Foster-Karim (2020) Einsatz von Eye-Tracking zum Verständnis menschlicher Reaktionen auf traditionelle Nachbarschaftsgestaltungen, Planning Practice & Research, 35:5, 485–509, DOI: 10.1080/02697459.2020.1768332
- Gideon Spanjar & Frank Suurenbroek (2020) Eye-Tracking in der Stadt: Die Abstimmung der Gestaltung von Straßenräumen in Hochhausumgebungen auf die visuellen Erfahrungen der Nutzer. Journal of Digital Landscape Architecture, 5-2020, S. 374–385. © Wichmann Verlag, VDE VERLAG GMBH ꞏ
- Zhengbo Zou, Semiha Ergan (2019) Ein Rahmenkonzept zur Quantifizierung der regenerativen Wirkung virtueller gebauter Umgebungen auf den Menschen
- Isabella Bower, Richard Tucker & Peter Enticott (2019). Einfluss der Gestaltung der gebauten Umwelt auf Emotionen, gemessen anhand neurophysiologischer Korrelate und subjektiver Indikatoren: Eine systematische Übersicht. Journal of Environmental Psychology 66. DOI: 10.1016/j.jenvp.2019.101344