Die klinische Psychologie entwickelt sich durch die Einbeziehung von Biomarkern weiter und bietet objektive Einblicke in die Diagnose und Behandlung psychischer Erkrankungen. Von ADHS bis hin zu Depressionen: Erfahren Sie, wie Biosensoren wie EEG, Eye-Tracking und GSR klinische Untersuchungen revolutionieren und den Weg für die Präzisionsmedizin in der psychischen Gesundheitsversorgung ebnen.
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Das Fachgebiet der klinischen Psychologie umfasst die Diagnose und Behandlung psychischer Störungen und erfreut sich in den letzten Jahren auch außerhalb akademischer und klinischer Kreise zunehmender Beliebtheit. Das Bewusstsein für die Auswirkungen psychischer Störungen auf den Alltag des Einzelnen und auf Gemeinschaften sowie für die damit verbundenen gesellschaftlichen Kosten wächst stetig.
Die WHO meldet einen Anstieg psychischer Erkrankungen um 13 % im letzten Jahrzehnt; 20 % der Kinder und Jugendlichen weltweit leiden unter einer psychischen Erkrankung. Dies ist kein Anstieg der Prävalenz psychischer Störungen, sondern deutet vielmehr erstens auf unsere Bereitschaft hin, psychische Probleme zu diagnostizieren und anzugehen, und zweitens auf die Fortschritte bei den Instrumenten, die Psychologen zur Diagnose und Behandlung dieser Probleme zur Verfügung stehen.
Die klinische Psychologie hat enorme Fortschritte gemacht, um dorthin zu gelangen, wo sie heute steht – mit einem gut strukturierten Diagnosesystem. Diese Systeme basieren jedoch nach wie vor weitgehend auf klinischen Beobachtungen, Selbstauskünften und Fragebogendaten, die durch Voreingenommenheit der Teilnehmer oder Forscher verfälscht sein können.
Damit liegt die Verantwortung für die Diagnose und letztlich auch für die Erstellung des Behandlungsplans vollständig im Ermessen der Ärzte und hängt von ihrer Fähigkeit ab, objektive Informationen über psychische Störungen aus sehr subjektiven Messwerten zu erschließen.
Klinische Beurteilung und ihre Schwierigkeiten
In der klinischen Psychologie wird davon ausgegangen, dass Störungen aus einer Wechselwirkung zwischen Genen und Umwelt entstehen, d. h., psychische Störungen existieren nicht isoliert, sondern innerhalb eines biopsychosozialen Systems. Um psychische Störungen präzise zu diagnostizieren, müssen wir daher Folgendes verstehen: 1. die genetischen Grundlagen dieser Störung, 2. die Symptome, die bei einer betroffenen Person auftreten, und 3. die Veränderungen, die diese Symptome im Zuge von Veränderungen in der Umwelt durchlaufen können.
Eine direkte Untersuchung der Gene zu Diagnosezwecken ist derzeit noch keine praktikable Option. Bei psychischen Störungen sind für jedes beobachtbare Symptom (Aufmerksamkeit, Affekt, Kommunikation) mehrere Gene und Signalwege beteiligt.
Wir verfügen über Tausende von Genen, von denen jedes mehrere Varianten aufweist, und an jedem messbaren Konstrukt ist eine Kombination aus Hunderten von Genen beteiligt, was eine vereinfachte Diagnose nahezu unmöglich macht. Daher sucht die aktuelle Forschung auf dem Gebiet der klinischen Psychologie nun nach Wegen, das bestehende Diagnosesystem, das derzeit auf klinischem Urteilsvermögen beruht, so objektiv wie möglich zu gestalten.
Eine genaue Diagnose und einen Behandlungsplan zu erhalten, ist ein sehr komplexes und vielschichtiges Unterfangen. Versuchen wir, dies anhand eines Beispiels zu verstehen – der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS).
Eines der Hauptsymptome von ADHS ist Hyperaktivität. Auf der Ebene der Symptome kann sich dies in scheinbar einfachen Verhaltensweisen äußern; so klopfen Kinder mit ADHS beispielsweise ständig mit den Händen oder sind nicht in der Lage, im Unterricht still zu sitzen.
Diese lassen sich messen, indem man die Eltern bzw. Lehrer einfach bittet, das betreffende Verhalten zu beobachten. ADHS ist jedoch nicht der einzige Grund, warum jemand zappelt oder sich bewegen möchte. Manchmal kann ein beobachtbares Symptom wie „Unruhe“ auf eine Reihe verschiedener Faktoren hindeuten. Manchmal möchte sich jemand bewegen, um den empfundenen Stress abzubauen.
Möglicherweise zeigen sie selbstberuhigende Verhaltensweisen, um ihre Angst in einer bestimmten Situation zu lindern. Es könnte aber auch sein, dass sie durch ihr Verhalten Aufmerksamkeit erregen wollen, was auf andere Probleme hindeuten könnte, wie zum Beispiel ein traumatisches Erlebnis zu Hause oder Mobbing in der Schule.

Dies ist ein Beispiel dafür, wie sich Hyperaktivität bei ADHS äußern kann. Für eine Diagnose müssen Ärzte mindestens fünf Symptome auf zwei Skalen berücksichtigen, was bedeutet, dass diese Komplexität bereits in zehn Dimensionen vorliegt. Darüber hinaus weisen psychische Störungen eine hohe Komorbidität auf, d. h. sie treten häufig gemeinsam mit anderen Störungen auf (Depressionen mit Angststörungen, ADHS mit Autismus-Spektrum-Störungen). Wir haben mehrere diagnostische Konstrukte pro Störung, und die komorbide Gruppe kann dieselben Symptome wie die beiden Störungen einzeln aufweisen oder auch nicht. Die Heterogenität kann sehr schnell sehr komplex werden.
Wie können wir also mehr Objektivität in der klinischen Psychologie erreichen, ohne die Komplexität des menschlichen Geistes und Verhaltens zu verharmlosen?
Biomarker in den Werkzeugkasten aufnehmen
Ein Biomarker ist, wie der Name schon sagt, eine biologische Variable (z. B. ein Eye-Tracking-Parameter, die EEG-Aktivität bei der Ausführung einer Aufgabe, die galvanische Hautleitfähigkeit als Reaktion auf einen Reiz oder die Herzfrequenzvariabilität), die als Indikator für ein kognitives Konstrukt (z. B. Aufmerksamkeit, Hemmung oder Affekt) dienen kann.
Biomarker stehen in Zusammenhang mit den Symptomen, die Ärzte bei einer bestimmten Erkrankung beobachten, und geben uns hoffentlich auch Einblicke in deren biologische Grundlagen (z. B. welche Teile des zentralen Nervensystems betroffen sind). Nehmen wir das zuvor genannte Beispiel der ADHS wieder auf. Um ADHS besser zu verstehen, könnten wir die Beobachtungen von Eltern und Lehrern mit einer Spektralanalyse des EEG kombinieren und/oder die Blickbewegung messen, während ein Schüler alltägliche Aufgaben erledigt.
Ersteres hilft dabei zu verstehen, wann Menschen Schwierigkeiten haben, bei der Sache zu bleiben, und Letzteres kann Aufschluss darüber geben, was die Aufmerksamkeit der Menschen fesselt und wie sie die jeweilige Aufgabe bewältigen. Ein multimodaler Ansatz, d. h. die Nutzung mehrerer physiologischer Untersuchungsmethoden, bei der Biomarkerforschung kann uns mehr über den Prozess der Aufgabenbearbeitung verraten als einfache Ergebnisvariablen wie Verhaltensbeobachtung oder Reaktionszeit. Diese Erkenntnisse können dann in zukünftige Therapien und Interventionen einfließen, z. B. in Lehrmittel für den Unterricht von Kindern mit ADHS.
Die Diagnose psychischer Störungen wird zusätzlich dadurch erschwert, dass kognitive Variablen wie Affekt, Aufmerksamkeit, soziale Wahrnehmung und die Verarbeitung von Informationen aus der realen Welt äußerst schwer genau zu definieren und zu messen sind. Noch schwieriger ist ihre Umsetzung in die klinische Praxis. Eine Übersichtsarbeit von Smoller et al. (2018) [1] ergab, dass über 8.000 Patente als potenzielle Biomarker registriert sind, doch nur wenige davon haben den Weg in die klinische Praxis gefunden.
Nicht jedes Forschungsergebnis stimmt zwangsläufig mit klinischen Beobachtungen überein, gibt uns durchweg Aufschluss über die zugrunde liegenden neurologischen Mechanismen oder ermöglicht eine eindeutige Unterscheidung zwischen verschiedenen Störungen, wie wir oben an den vagen Kriterien wie „nicht stillhalten können“ sehen.
Die Erforschung von Biomarkern für psychische Störungen ist jedoch im Vergleich zum Fachgebiet der klinischen Psychologie selbst noch relativ jung. Sobald sie identifiziert sind, können Biomarker äußerst nützlich sein. Bei iMotions bieten wir verschiedene Methoden an, die typischerweise in der Biomarkerforschung zum Einsatz kommen. Das bedeutet, dass Forscher und Kliniker flexibel entscheiden können, wie sie ein kognitives Konstrukt untersuchen. Betrachten wir einige der Vorteile anhand von Beispielen.

Ein Beispiel für Spitzenwerte der galvanischen Hautreaktion als Reaktion auf einen Reiz.
Die Vorteile von Biomarkern
Erstens helfen Biomarker bei der Identifizierung von Untergruppen innerhalb heterogener Erkrankungen. Am Beispiel von ADHS könnte die Biosensor-Forschung dabei helfen, zu unterscheiden, ob die Teilnehmer Schwierigkeiten haben, ihre Aufmerksamkeit auf eine Aufgabe zu richten, oder ob sie sich leicht durch Umgebungsfaktoren ablenken lassen. Ein weiteres Beispiel: Biomarker könnten dabei helfen, Kinder mit einer Autismus-Spektrum-Störung, die Schwierigkeiten haben, die gemeinsame Aufmerksamkeit eines Elternteils zu folgen, von solchen zu unterscheiden, deren soziale Beeinträchtigungen sich nur auf eher mehrdeutige Situationen wie das Knüpfen von Freundschaften erstrecken.
Ersteres lässt sich mithilfe von Eye-Tracking messen, um festzustellen, ob die Teilnehmer in dyadischen Interaktionen dem Blick eines Elternteils folgen können, während eine Kombination aus Biomarkern erforderlich sein wird, um all die Emotionen, Ängste und Unsicherheiten zu untersuchen, die damit verbunden sind, einen Mitschüler auf dem Spielplatz anzusprechen und ihn zum Spielen aufzufordern. Die Identifizierung von Untergruppen kann dann die Diagnose und die Behandlungsmaßnahmen in diesen heterogenen Populationen verbessern.
Zweitens können Biomarker dazu dienen, moderierende Faktoren über den gesamten Lebensverlauf hinweg zu verstehen. Alterungsprozesse, traumatische Erlebnisse und Veränderungen biologischer Faktoren können beeinflussen, wie wir die Welt um uns herum wahrnehmen und wie wir unsere Aufmerksamkeit auf verschiedene Objekte richten. Dieselben Biomarker – beispielsweise die Blickverweildauer bei emotional aufgeladenen Reizen – können genutzt werden, um diese Veränderungen im Laufe des Lebens zu untersuchen. Dies ist besonders relevant für die Erforschung von Angstzuständen und Depressionen.
Drittens können Biomarker auch dazu dienen, zu beobachten, wie sich der Verlauf einer Erkrankung verändert. Zum Beispiel: Ändert sich die Reaktion auf emotional aufgeladene Reize, wenn eine Person an einer Depression leidet, sich in Therapie befindet oder wenn die Depression in Remission ist?
Die Nutzung von Biomarkern zum Verständnis der Variabilität in klinischen Gruppen, von Untergruppen innerhalb einer Erkrankung sowie von Einflussfaktoren über die gesamte Lebensspanne hinweg kann letztendlich für die Präzisionsmedizin genutzt werden, bei der Behandlungspläne individuell auf jede einzelne Person zugeschnitten werden können. Schließlich können diese objektiven Biomarker während der gesamten Behandlung genutzt werden, um den Prozess zu überwachen und bei Bedarf anzupassen. Sie können auch als Hilfsmittel in der Therapie eingesetzt werden. Wenn wir beispielsweise Ängste visualisieren und als Spitzenwerte in einem Diagramm darstellen können, helfen diese Visualisierungen dabei, abstrakte Gefühle in konkrete, greifbare Metaphern umzuwandeln.
Fazit
Die Multisensor-Forschung kann den bestehenden klinischen Systemen nicht nur Objektivität, sondern auch eine höhere Detailgenauigkeit verleihen und die Suche nach sowie die Nutzung von Biomarkern beschleunigen. Sie kann Forschern und Klinikern gleichermaßen dabei helfen, die vorliegenden Erkrankungen und die vor ihnen stehenden Patienten besser zu verstehen, Diagnosewerkzeuge zu verbessern und den Weg für individualisierte Behandlungen zu ebnen.
Literaturverzeichnis
[1] Smoller, J. W., Andreassen, O. A., Edenberg, H. J., Faraone, S. V., Glatt, S. J. & Kendler, K. S. (2019). Psychiatric Genetics and the Structure of Psychopathology. Molecular Psychiatry, Band 24, Seiten 409–420. DOI: https://doi.org/10.1038/s41380-017-0010-4
